Die Angebote der Kirchen in Bonn im Beethovenjahr 2020

Auftakt.

Die Musik Beethovens kann einen überwältigen. Oder beflügeln. Es kommt auf einen selbst an. 


Immer dann, wenn ich denke, jetzt hab ich ihn verstanden, entwischt er mir. Und ich schaue ihm fragend hinterher. Wer war dieser Mann? Ein Rheinländer, durch und durch? Ein Schelm, ein Fuchs, ein Filou? Ein Frauenheld, ein stets verliebter einsamer Wolf? Ein armer Tropf, ein geprügelter Hund, vom Leben gezeichnet und von der Nachwelt entstellt? Oder ein Titan und Held im Kampf gegen die Begrenztheiten des Lebens? Ein Prophet des Neuen, ein Tiefseelenforscher? 

Ich habe die ersten Hinweise meiner ehemaligen Musiklehrerin zu verdanken, die ich, gleich nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, „Beethoven-Pfarrer“ im Kirchenkreis Bonn zu werden, aufgesucht hatte. Nicht nur die ersten, wichtigen Büchertips, sondern auch inhaltliche Leitlinien und vor allem den Mut, mutig zu sein, habe ich von ihr mitbekommen.

Ich besitze zwei Bilder. Eines heißt „Beethovenengel“. Mit erhobenen Flügeln steht er da und segnet. Oder dirigiert er? In seinem samtgrünen Jacket wurde aus der Feder, mit der er gerade noch die letzten Töne der Missa Solemnis geschrieben hat, Engelsflügel. 

Aber Vorsicht: Wir denken uns die Engel immer zu friedlich. Sie sind gewaltige Gestalten, die zwischen Himmel und Erde hin und her eilen, um Botschaften aus dem Jenseits ins Diesseits zu bringen. Und umgekehrt. Die Engel sind auch die Wächter, die uns davor bewahren sollen, die Toren des Himmelreiches zu früh zu betreten. Wir wären darauf nicht vorbereitet und würden überwältigt, geblendet und müssten erstarren vor der Kraft und Majestät des Anblicks. 

Beethoven gewährt uns mit seiner Musik kurze Einblicke in diese Reiche. Für Augenblicke lüftet er, wie „die Lehrlinge zu Sais“ den Vorhang, allerdings um ihn gleich wieder zu schließen. Wir erhaschen nur einen kleinen Einblick, doch der ist schon fast zu viel. So behält der segnende Beethoven mit seinem Dirigat alles gerade noch im Gleichgewicht.

Ich besitze noch ein weiteres Bild von Beethoven. Das Bild eines trotzigen Jugendlichen, der schon als Kind schlecht auf andere hören konnte. „Hääh?!“ steht mit Neonfarbigen Buchstaben darunter. Beethoven blieb diesem Thema des „nicht hören könnens“ treu, wie keinem anderen. Unbändig, unerhört, unergründlich, eigenwillig, bockig und nicht einzufangen. Schon als Kind war er ein unruhiger Geist auf der Suche nach sich selbst und den weiten Welten. Beethoven war schon damals anders. Und das ist er bis heute geblieben. 

Wenn ich versuche, mich ihm zu nähern, habe ich, neben diesen beiden Bildern natürlich noch seine Musik. Ich kann ihn heute noch im O-Ton hören. Was er gefühlt, gedacht, konstruiert und erfunden hat, das kann ich in seinen Noten nachlesen und immer wieder zum Leben erwecken. Dabei komme ich nicht umhin, meine eigenen Erfahrungen mit anklingen zu lassen. So finden Begegnung mit ihm statt: im Spiel und im Hören. Der Hörer ist im Grunde der Dritte, dem die „Schillersche Bitte“ gewährt wird, mit im Bunde dabei zu sein. 

So erfährt der Dirigent vielleicht das größte Privileg dieser Begegnung, in dem er vor unzählig vielen Menschen steht, denen gerade Beethoven im O-Ton begegnet. Er bündelt und fasst all dies zusammen. Er lenkt behutsam jeden einzelnen und erschafft so neue, oft ungeahnte Berührungen mit dem Gefühlen des Komponisten. 

Intim gewährt Beethoven dem Klavierspieler noch einmal andere Einblicke in seine Seele. Dass diese Einblicke, trotz aller Schicksalsschläge, keine Abgründe sind, in die wir schauen, verdanken wir vielleicht der Tatsache, dass Beethoven auf seine Seele mehr achtete, als auf seinen Körper.

Andererseits haben wir unendliche viele Geschichten aus seinem Leben. Zweifelsohne haben viele seiner Mitmenschen unter ihm gelitten. Seine Neigungen zu Ungerechtigkeit, seine Ungeduld, seine Rechthaberei, sein Nachlässigkeit in alltäglichen Dingen, wie sein Drang, die Welt und auch die Menschen um ihn herum besser machen zu wollen - all das machte ihn zu einem anstrengenden Zeitgenossen, der sich von niemandem etwas sagen lassen wollte. Der aber auf der anderen Seite tief bereute, wenn jemanden in seiner Unbedachtheit verletzt hatte. Er war nicht nur rücksichtslos gegen andere, sondern auch gegen sich selbst. 

Nach 250 Jahren sollten wir einfach dankbar für diesen Menschen sein und ihm mit Geduld und Nachsicht begegneten. Wir sollten uns klar machen, wieviel gerade so jemand bewirken kann, der uns manchmal vielleicht im Wege steht oder gewaltig auf die Füße tritt. 

Von Kind an hatte Beethoven das Gefühl, ausersehen zu sein. Das Schicksal bescherte seinem Talent eine Fülle von Widrigkeiten, die ihn formen sollten. Nur so konnte er zu dem werden, der er geworden ist: eine hochkomplexe Persönlichkeit. Nicht voller Widersprüche, sondern voller Facetten, die vom Licht des Lebens immer anders gebrochen wurden und bis heute werden. 

Versuchen wir uns „Ludwig vom Rübenhof“ in diesem Jahr zu nähern. Aber versuchen wir nicht, ihn festhalten zu wollen!